Halbwilde Ratten

Halbwild – was bedeutet das?

Halbwild bedeutet, dass die Mutter (in der Regel Farbratte) von einem Wildratten-Bock gedeckt wurde, da sie entlaufen ist oder ausgesetzt wurde. Den umgekehrten Fall (Wildratten-Weibchen wird gedeckt von Farbrattenbock) gab es unseres Wissens bisher nie in der Vermittlung. Und wenn, fiel es vermutlich nicht auf bzw. wurde für einen rein wilden Wurf gehalten. Diese Tiere werden in der Regel (wenn) in der Natur geboren, und kämpfen sich dort durch.

Halbwilde sind nicht wie domestizierte Farbratten, weshalb wir hier dazu etwas Aufklärungsarbeit leisten möchten.

Merkmale von Halbwilden:
Halbwilde sind, wie schon erwähnt, agoutifarben. Manche sagen, sie hätten schwarze Fußsohlen (was aber wiederum bei Farbratten auch vorkommen kann).
Andere optische Merkmale können noch dunkel stark behaarte Ohren sein. Außerdem ist ihre Zeichnung self oder berkshire (immer agouti, also wildfarben).
Am Ehesten erkennt man sie aber am Verhalten.

An Verhaltensweisen wurden schon beobachtet:
Höhere Neophobie (Angst vor allem, was neu/unbekannt ist), Scheu, Misstrauen und stärker ausgeprägtes Territorial- und Dominanzverhalten, hohe soziale Intelligenz, Unwillen bei körperlicher Berührung, Schreck-, Angst-, Fluchtverhalten, verkürzte Entwicklungszeit (sind also schneller in der Entwicklung).

Wichtig:
Wer Halbwilden ein Heim geben will, sollte sich darüber im Klaren sein, dass er sich keiner leichten Aufgabe stellt. Auch wenn es oft gerne als „einfach“ dargestellt wird, ist es das nicht. Das soll nicht heißen, dass es zwangsläufig schwer ist, aber es ist eben doch sehr viel anders und nicht so „kuschlig“ wie die Haltung von Farbratten.

Ein ruhiges, souveränes Handling ist bei Halbwilden sehr wichtig – und Geduld. Auch sollte man einkalkulieren, mal einen Biss zu ernten, wenn menschliche Gesten beim Halbwilden-Gegenüber falsch ankommen (Erschrecken, etc.). Je nachdem muss man Rituale einspielen (z. B. dass sie in eine Röhre klettern, wenn man sie zum Auslauf rausholen will, etc.).

Man muss leider damit rechnen, dass Halbwilde nicht so zahm und zutraulich werden, immer scheu bleiben, und ihren Futterspender ihr Leben lang nur als solchen ansehen – und nicht mehr.
Es muss nicht so laufen, kann aber …
Dass Halbwilde im Welpenalter zahm und lieb sind, sagt leider nicht viel über ihr Verhalten im Erwachsenenalter aus.
Sind die Welpen aber den Kontakt zum Menschen von klein auf gewohnt, kann sich über tägliche Rituale bzw. Training eine gewisse Vertrauensbasis einspielen und aufrechterhalten werden. Hier sind Konsequenz und Regelmäßigkeit aber sehr wichtig.

Halbwilde sind definitiv nicht geeignet für Anfänger oder die Rattenhalter unter uns, die einfach für schwierigere Tiere (noch) nicht geschaffen sind. Und sie sind auch nicht geeignet, um auf diesem Gebiet die ersten Erfahrungen zu sammeln.

Was die Haltung von Halbwilden angeht, scheidet ein Selbstbau in der Regel als Käfig aus, Kaufkäfige (Volieren ausgenommen) ebenfalls. Halbwilde nagen nämlich sehr gerne und u.U. viel. Das muss nicht sein, aber man sollte darauf vorbereitet sein bzw. hinterher eben nicht überrascht sein.
Infrage kämen Vollmetallkäfige wie Volieren oder ein Uni-Dom.

Bei der Rudelkonstellation ist empfehlenswert, Halbwilde in ein Farbrattenrudel zu integrieren, wobei der Farbrattenanteil um Einiges höher sein sollte als der Halbwildenanteil, damit die Tiere sich von ihren „farbigen“ Artgenossen viel abgucken können. Reine Halbwilde-Rudel gleichen oft einem eingeschworenen verschlossenen Clan.
Integrationen laufen in jungen Jahren (Welpenalter) normal einfach ab. Spätere Integrationen erweisen sich meist als schwierig bis sogar aussichtslos.

Kastrationen können u.U. das Handling von männlichen Halbwilden vereinfachen, aber wie bei Farbböcken ist es auch hier keine Patentlösung, da eine Kastration keine Instinkte verändert. Wirkliche Erfolge bei der Zähmung werden – wenn – auch dann nur in Kombination mit konsequentem Training erzielt.
Dennoch sollten Kastrationen auch hier gut überlegt werden dahingehend, ob die eigenen Vorteile (besseres Handling der Ratte, etc.) das Risiko der OP wert sind.