Kastration

Damit ein Bock für sein Kastraten-Dasein ausreichend sozialisiert ist, sich zu wehren weiß, damit er nicht direkt untergebuttert wird, sollte er so alt wie möglich sein (mindestens 3 Monate), aber nicht zu alt.
Natürlich hat man bei medizinischen Gründen (wie z.B. Hodenhochstand) selten die Zeit zu warten. Für Kastrationen gilt wie für alle OPs: Ist das Tier zu jung oder schon älter, ist das OP-Risiko höher.

Im Falle von Kastrationen sollte noch einige Zeit  (4-6 Wochen Quarantäne ab OP) gewartet werden, bevor ein Kastrat zu Weibchen zieht, damit es nicht zu Nachwuchs kommt. Soll der Kastrat nach der Kastration in ein Böcke-Rudel ziehen, sollte man ein Zusammentreffen erst wagen, wenn die Wunde gut geheilt und die Fäden gezogen sind (zum Schutz der OP-Wunde). Gleichzeitig kann so die Wirkung der Kastration schon vor Integrationsbeginn greifen.
Lebt der Kastrat bereits im Rudel, spricht nichts dagegen, ihn mit seinem Rudel gemeinsam in den täglichen Auslauf zu lassen, doch die ersten paar Tage nach der OP auf Tüchern/Zeitung und mit regelmäßigem „Krankenbesuch“ eines Rudelkollegen im Krankenkäfig zu halten.

Zur Kastration an sich:
Gibt es Probleme in Böckerudeln wird oft zur Kastration geraten. Manche halten sogar reine Kastratenrudel, was mir persönlich ein absolutes Gräuel ist. Kastraten haben mit Böcken meines Erachtens nicht mehr viel gemeinsam. Es gibt nur wenige Kastraten, die sich noch ansatzweise „bockig“ verhalten.

Warum werden so viele Böcke kastriert?
Tierheime praktizieren dies in der Regel
a) zur Steigerung der Vermittlungschancen, da man so auch die Weibchenhalter anspricht,
b) zur Vermeidung, dass mit den Tieren vermehrt wird. Das ist soweit verständlich, auch wenn so manchem Böcke-Fan das Herz blutet, weil es in manchen Gegenden dadurch wirklich schwer ist, Böcke aufzunehmen.

Aber warum lassen Rattenhalter kastrieren?
Manche, weil sie einfach nicht für die Haltung von Böcken geschaffen und überfordert sind, andere schlichtweg aus Bequemlichkeit, weil es leichter ist, als sich mit dem Wesen der Tiere und dem eigentlichen Problem zu befassen, und wieder andere, weil sie auf die Tips in Foren vertrauen – die oftmals von Weibchenhaltern gegeben werden, die vergessen, dass Böcke im Sozialverhalten untereinander doch oft etwas grober sind als Weibchen.

Wir sind keine Verfechter der ultimativen Lösung „Kastration“.
Es ist eine (für den Halter) bequeme Lösung von Problemen auf Kosten der Tiere, die man oftmals (nicht immer) auch einfach (und unter Umständen sogar besser/effektiver) mit etwas Feingefühl, Souveränität und Geduld lösen kann.

Die Verhaltensweisen, aufgrund derer Böcke oft kastriert werden sind:

Revierbeißer
Revierbeißer sind Tiere, die es nicht dulden (wollen), dass der Halter in ihrem Revier (Käfig) hantiert. Tauscht man einen Napf, kommen sie aus angeschossen und verbeißen einen. Wechselt man die Hängematte, kommen sie von noch so weit her im Käfig und man hat sie im Finger hängen.
Ein Revierbeißer beobachtet nicht erst und zögert, er schießt direkt drauf los; es ist sein Revier, was er glaubt verteidigen zu müssen.
Wie kann man das lösen ohne zu kastrieren? Man setzt sich einfach durch. Wird man von einem Revierbeißer gebissen, schnappt man ihn sich direkt nach dem Biss. Auf keinen Fall zieht man sich zurück und geht ihm aus dem Weg. So gibt man ihm, was er will.

Angstbeißer
Sie beißen aus Angst, wie der Name sagt. Wenn ich ihn kastrieren lasse, nehme ich ihm damit seine Angst? Wohl kaum. Ich habe dann lediglich eine ängstliche Ratte, die nicht mehr den Mut/die „Männlichkeit“ hat sich zu verteidigen. Also habe ich das Problem nicht gelöst bzw. es im Grunde immer noch: Eine Ratte, die Angst hat. Letztlich ist es unlogisch sie kastrieren zu lassen, weil sie Angst hat. Sinnvoller und weniger riskant für das Tier ist es, sich mit ihrer Angst auseinander zu setzen, ihr Sicherheit zu geben.

Böcke, die im Rudel Zoff machen
Diesen Fall gibt es oft. Eine Gruppe Böcke lebt friedlich zusammen und plötzlich (gerade in der Flegelphase) gibt es Streit. Der Halter kann es nicht „ertragen“ und denkt an Kastration. Allerdings gehört auch das zum Rudelleben dazu. Solange es keine bösen (absichtlich zugefügten) Wunden gibt, sollte man die Beteiligten die Rangordnung ausfechten lassen. Böcke sind sehr radikal und gnadenlos, Streitereien sehen da schnell mal wild aus, sind es aber nicht zwangsläufig. Auch Wunden (mit der Kralle hängen geblieben) können durchaus einmal vorkommen. Hier muss man unterscheiden, ob es absichtlich zugefügte Bisse sind oder eben einer mal mit einer Kralle hängen geblieben ist.
Wenn die Anspannung im Rudel zu groß ist, kann man die Tiere auch mal ein paar Nächte trennen, damit alle wieder zur Ruhe kommen. Gerade in der Pubertät kann es zu Reibereien und auch Schreiereien kommen.
Wird ein Tier massiv beritten oder anderweitig gemobbt, sollte man vom Tierarzt abklären lassen, ob es gesund ist. So sozial Ratten sind, kommt es hier und da doch auch vor, dass ein krankes Tier ausgegrenzt/gemobbt wird, noch bevor dem Halter Symptome auffallen.
Ist ein Rudel ein Paar, besteht also nur aus zwei Tieren, wäre die erste Lösung die Paarhaltung durch Integration von Tieren zu einer Rudelhaltung umzuwandeln. Zwei Tiere sind sich und ihren Launen ausgeliefert, wenn sie dann insgesamt sehr unterschiedlich im Charakter sind, kann ein Zusammenleben nicht harmonisch werden.

Ein schönes Beispiel, dass Kastration oft eine eher sinnlose Option ist, ereignete sich kürzlich:
Ein langjähriger Einzelbock, noch nicht ausgewachsen, ließ sich im neuen Zuhause nicht gut integrieren, da er offensichtlich null Sozialverhalten beherrschte. Er ritt auf den großen Böcken auf, bekam Prügel, doch er lernte nichts draus. Seine Anspannung war enorm, da er seine Eindrücke gar nicht verarbeiten konnte, spürte, dass etwas von ihm erwartet wurde, aber er wusste nicht was. Dazu kam, dass er völlig blind war und nicht gut hörte, folglich konnte er also auch nicht gut lernen und aufnehmen. Die Empfehlung ging im Allgemeinen zur Kastration. Nur was hätte sich für den Bock geändert? Er hätte dadurch nicht besser hören oder sehen können, er hätte nicht besser gelernt ohne Hoden 😉 Die Lösung war eine Integration mit jungen Böcken, die ihm binnen einem Tag spielerisch Sozialverhalten beibrachten, sodass er jetzt wie ein Jungbock im Käfig tobt, unterwirft und hier und da vielleicht auch unterworfen wird.