Vergesellschaftung/Integration

Integration/Vergesellschaftung – kompliziert, aber kein Hexenwerk

Im Laufe der Rattenhaltung kommt man irgendwann in die Situation sein Rudel zu erweitern oder einem Einzelratz z.B. Gesellschaft bieten zu wollen.

Direktes Zusammensetzen, also eine sogenannte Blitzintegration, ist absolut tabu. So etwas kann böse enden – mit Bisswunden oder schlimmstenfalls tödlich.

Man muss beide Parteien langsam aneinander gewöhnen (egal, ob es um die Zusammenführung mehreren Ratten/Rudel oder einzelner Tiere geht).

Zu bedenken ist: Ratten orientieren sich primär über die Nase. Setzt man sich fremde Ratten einfach so zusammen, erkennen sie sich nicht, da sie unterschiedlich riechen. Die Reaktionen können unterschiedlich aussehen. Die Dominanten reagieren u.U. mit Angriff, die Ängstlichen flüchten, etc.

Oft liest man Tipps wie die Tiere mit Maggi, Teebaumöl oder Puderzucker einzuschmieren. Der Gedanke ist, dass die Tiere sich den Puderzucker z.B. aus dem Fell lecken oder Maggi/Teebaumöl den Eigengeruch überdecken.
Wir halten diese Tipps für gefährlich, nicht nur weil Teebaumöl giftig ist und extrem riecht für Rattennasen. Der Geruch von Teebaumöl und Maggi lässt irgendwann nach und der Eigengeruch kommt durch. Im schlimmsten Fall kann es nachträglich zu Kämpfen und Beißereien kommen. Die Tiere sollten zusammenleben, weil sie sich kennen und mögen, Tricks können gefährlich enden.

Darum eben eine langsame Integration, auch um den Stress geringer zu halten und nichts zu riskieren.

Integration von Jungtieren:
Eine Integration von Jungtieren bis 8 Wochen mit Gleichaltrigen/Jüngeren klappt in der Regel schon nach dem ersten gemeinsamen Auslauf. Die Tiere haben kein Revierverhalten, für sie ist alles noch Spiel und Spaß.
Will man Jungtiere aber zu Älteren integrieren, sollte man warten, bis sie mindestens zehn (eher 12, wenn man noch keine Integrationserfahrung hat) Wochen alt sind, damit sie körperlich und vom Sozialverhalten ausreichend entwickelt sind, um sich wehren zu können. Hier empfiehlt es sich, nicht nur das Alter der Jungtiere im Auge zu haben, sondern auch die körperliche Entwicklung zu beachten. Manchmal kann es besser sein noch etwas zu warten, auch wenn die Tiere schon zehn Wochen alt sind.

Integration von Senioren:
Will man Senioren integrieren, sollte man abschätzen, ob sie fit genug sind sich gegen jüngere Tiere (egal welchen Alters) zu behaupten.
Integrationen von Senioren zu Senioren sollten ebenso ablaufen wie normale Integrationen.

 

Nachfolgend ein paar Tipps zu Integrationen an sich.
Es ist nur eine Richtlinie, eine Orientierung!
Mit der Übung entwickelt jeder Halter so seinen eigenen Ablaufplan. Dazu kommt, dass jedes Tier anders ist und reagiert, weshalb es keinen festen Weg gibt für Integrationen.

Primär ist wichtig: Zeit und Geduld sollte man haben. Wenn der Halter gestresst ist bzw. Angst hat bei der Integration, wirkt sich das oft auf die Tiere bzw. die Situation aus.

Beispiel-Integrationskäfig

1. Schritt Käfigtausch/Streutausch
Die Käfige sollten nicht nebeneinander gestellt werden. Gerade bei Böcken ist das eher kontraproduktiv, da es die Tiere u.U. aggressiv macht.

Stattdessen kann man entweder die Käfige tauschen (eine Partei in den Käfig der anderen und umgekehrt, das Ganze täglich) oder Streutauschen (den „Dreck“ der einen in den Käfig der anderen und umgekehrt).

Das sollte man so lange tun, bis das Geborstel bzw. die Reaktionen der Tiere stressfrei und entspannt sind. Dann folgt Schritt zwei.

Beispiel Integrationskäfig

 

 

 

 

2. Schritt Treffen auf neutralem Terrain
Hier ein Video, was sehr schön die unterschiedlichen Verhaltensweisen zeigt:

Integrationsvideo mit „Untertitel“

Am Besten wählt man wirklich einen Bereich, den bisher noch keine Ratte erforscht hat. So ist es für alle neu, und keiner hat einen Heimvorteil bzw. Besitzanspruch. Es sollten auch keine Häuschen, Röhren oder Ähnliches im Integrationsbereich stehen. Ausnahme könnten hier Futter und Wasser sein. So kann man die Situation besser kontrollieren und schneller eingreifen.

Man sollte beim ersten Treffen nach und nach alle Tiere zusammensetzen. Z.B. bei der Integration von einem Einzeltier zu einem Rudel: erst das Einzeltier mit dem devoteren Tier des zukünftigen Rudels, wenn dies 2-3 Minuten gut klappt, dann das nächste Tier des Rudels dazu, usw.
Das Treffen sollte nicht zu lange dauern – man sollte es davon abhängig machen, ob die Stimmung gereizt oder angespannt ist. Wirkt es entspannt, kann man den „Auslauf“ länger gestalten.

Beim zweiten Treffen kann man genauso vorgehen. Endete das erste Treffen aber entspannt, kann man auch versuchen, direkt alle zusammenzusetzen. Allerdings ist es auch oft so, dass das erste Treffen gut verläuft, und es beim zweiten Treffen zu Reibereien kommt.

Sollten die Tiere sich nicht wirklich füreinander interessieren bzw. sich eher ignorieren und aus dem Weg gehen während der Treffen, sollte man das Terrain etwas verkleinern, sodass sie gezwungen sind, sich miteinander auseinander zu setzen. Alternativ kann man sie auch unter das Gitter eines großen Meerikäfigs setzen. Bei Meerikäfigen kann man sehr schön von oben eingreifen im Notfall. Bei der Integration von Rattenweibchen sollte man allerdings bedenken, dass diese durch den breiten Gitterabstand der Käfige entwischen können.

Bevor sie sich nicht irgendwie miteinander auseinander gesetzt/beschäftigt haben, ist an den nächsten Schritt noch nicht zu denken.

Den Auslauf kann man dann immer etwas in die Länge ziehen, wenn er völlig entspannt ist. Das Ganze über Tage/Wochen, bis man sagen kann, dass sie sich im Auslauf gut verstehen (dann auch mit Einrichtung/Spielzeug) auch über einen längeren Zeitraum (1-2 Std. oder länger) und Gruppenkuscheln. Wenn das der Fall ist, kann man über Schritt 3 nachdenken.

3. Schritt „Lasst uns zusammenziehen“
Der nächste Schritt ist das Zusammenziehen. Man kann die Ratten zusammen in den frisch gemachten (oder sogar komplett neuen) neutralen Käfig setzen. Sollte nicht die Möglichkeit/Notwendigkeit (größerer Käfig von Nöten, weil größeres Rudel) bestehen einen neuen Käfig zu nutzen, sollte der alte zukünftige Käfig am Besten komplett umgestaltet werden, damit das alte Rudel nicht direkt Revieransprüche anmeldet.

Das Zusammensetzen sollte zu Anfang erstmal zeitlich begrenzt sein. Die Dauer hängt davon ab, wie die Ratten sich aufführen bzw. wirken (gestresst, entspannt, etc.). Und in jedem Fall sollte man dabei sein und ein Auge drauf haben.

Dieses Zusammensetzen kann man täglich verlängern. Wenn es wirklich gut läuft, kann man sie auch tagsüber zusammenlassen, solange man dabei sein kann und/oder sicher ist, dass in Abwesenheit nichts passiert.

Wenn das einige Tage klappt, kann man es steigern, und sie auch nachts zusammen lassen.
Sollte es da dann keine Beißereien oder böse Prügeleien geben, ist es fast geschafft.

Zoff wird es vermutlich die ersten Tage noch geben. Solange es nicht aggressiv wirkt, und es keine Bisswunden gibt (Kratzer kommen im Eifer des Gefechtes mal vor), ist das okay bzw. im Rahmen. Die Ratten müssen ihr Zusammenleben und die Rangfolge regeln – und das passiert im Alltag und ist ihre Art, das zu tun.

Die „Fremden“ sind nun „Freunde“.

Probleme während der Integration:
Es kann vorkommen, dass sich eine Ratte auf die andere eingeschossen hat, sie schikaniert, jagt, etc. In solchen Fällen sollte man prüfen, ob eine grundsätzliche Antipathie vorliegt, dann helfen oft alle Versuche nichts mehr. Der Halter muss sich eingestehen, dass die Chemie nicht stimmt, somit die Integration aussichtslos ist.
Hier gilt es, im Sinne der Tiere zu entscheiden, wann die Integration keinen Sinn mehr macht, und man evtl. ein zusätzliches Rudel bildet oder aber die „Neue(n)“ wieder abgibt.
Wichtig ist allein das Wohl der Tiere, nicht das Befinden des Halters.