Wildrattenbaby(s) gefunden ?

Oftmals werden wir angesprochen oder angeschrieben von Leuten, die irgendwo im Freien einen Wurf Wildratten gefunden haben und nun nicht wissen, was zu tun ist. Nachfolgend möchten wir über Wildratten als „Heimtiere“ informieren und die Aufnahme und Aufzucht von Wildrattenbabys diskutieren.

Zuerst einmal sollten Sie nicht sofort blindlings jeden Wurf einsammeln und mit nach Hause nehmen, bei dem sich gerade kein Muttertier befindet (was im Übrigen für alle Wildtierwürfe gilt!).

Auch wenn es schwer fällt: Warten Sie ab und beobachten Sie, ob das Muttertier nicht doch zurück kommt und die Welpen einsammelt.
Vielleicht wurde das Nest zerstört, die Mutter ist vorerst geflüchtet und fängt nach der ersten Schreckminute doch an nach ihren Welpen zu suchen und sie in Sicherheit zu bringen. Je älter die Welpen werden, desto häufiger und länger verlässt die Mutter auch einfach das Nest, um sich selbst Nahrung zu suchen – eine Rattenmutter weiß genau, wie lange sie ihre Welpen zurücklassen kann, ohne dass diese einen Schaden davon tragen.

Fassen Sie die Welpen in dieser Zeit nicht an! Denn riechen die Wildrattenbabys erst nach Mensch, so wird die Rattenmutter die Kleinen ziemlich sicher verstoßen.

Erst wenn Sie das Nest einige Zeit beobachtet haben und Sie sich wirklich ganz sicher sind, dass die Mutter nicht mehr auftaucht, um die Welpen zu versorgen, haben Sie zwei Möglichkeiten, die sie ganz genau gegeneinander abwägen sollten:

Möglichkeit 1)
Sie nehmen die Welpen auf und ziehen diese von Hand auf. Dies erfordert viel Einsatz, da die Kleinen nicht nur in sehr kurzen Zeitabständen gefüttert werden müssen, sondern auch warm und sauber gehalten und nach jeder Fütterung eine Bauchmassage bekommen müssen. Ersatzmutter zu sein ist kein Zuckerschlecken, und mit nahezu an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden einige der Welpen trotz intensiver Pflege versterben.

In seltenen Fällen findet sich auch eine Amme (also eine Farbrattenmutter, die selber gerade einen etwa gleichaltrigen Wurf säugt),und der die Babys „untergeschoben“ werden können. Doch selbst wenn Sie eine geeignete Rattenmama finden sollten, so ist dieses Verfahren mit einigem Risiko für die Welpen verbunden. Manche Rattenmütter töten die fremden Welpen, andere sind mit der Vielzahl der Welpen auch schlichtweg überfordert und stellen die Versorgung aller Babys – auch der eigenen – komplett ein. Man muss also sehr behutsam vorgehen beim „Untermogeln“ der fremden Rattenbabys.

Sollten Sie sich für die Aufnahme und Aufzucht der Tiere entscheiden, so müssen Sie unmittelbar bedenken, was mit den Welpen geschehen soll, nachdem Sie diese erfolgreich aufgezogen haben. Eine Auswilderung ist bei per Hand aufgezogenen Wildratten in der Regel nicht möglich. Da diese keinen Anschluss an ein Rudel haben, wird es für sie sehr schwer werden. Außerdem haben sie nie gelernt, sich vor Gefahren in Acht zu nehmen, was sie fressen dürfen und was nicht, wie sie sich einen sicheren Unterschlupf suchen/bauen und vor allem nicht, wie sie sich als erwachsene Ratten benehmen müssen. Dies alles können Sie den Jungratten nicht beibringen, und somit wären die Überlebenschancen in der Natur relativ gering. Von einer Auswilderungsstation für Wanderratten ist uns leider bisher nichts zu Ohren gekommen.

Die Haltung von Wildratten in Heimtierhaltung stellt auch hohe Anforderungen an Mensch und Tier und ist daher nicht sehr einfach. Eine Vermittlung von Wildratten ist aus genau diesem Grunde sehr schwierig und langwierig, denn Sie werden merken, dass nur die wenigsten Farbrattenhalter bereit und in der Lage sind, auch Wildratten in ihr Rudel aufzunehmen.

Die Probleme beginnen oft bereits mit der Unterbringung: Wanderratten sind in der Regel sehr viel nagefreudiger als unsere Farbratten. Ein Käfig mit Plastikbodenwanne oder ein Selbstbau aus Holz ist daher für sie eher ungeeignet und wird in der Regel in nur wenigen Tagen durchgenagt. Sie müssen sich also eine Vollmetallvoliere oder gar einen Unidom anschaffen, um Ausbrüche der Nager zu verhindern.

Am Besten ist es, wenn die Wildratten direkt nach der Aufzucht auch Farbrattengesellschaft bekommen. So haben Sie die Chance, dass sich die sogenannten „Wildies“ vielleicht ein Beispiel an ihren zahmen Artgenossen nehmen und das Misstrauen nicht allzu groß wird. Der Anteil Farbratten sollte in diesem Rudel wesentlich höher sein als der der Wilden.

Lassen Sie sich nicht blenden von der anfänglichen Zutraulichkeit der handaufgezogenen Wildratten. Sobald der Zeitpunkt gekommen ist, an dem die Welpen von der Mutter verstoßen würden und auf sich allein gestellt wären, entwickeln sie sich oft ganz anders. Leider werden selbst unter den von Hand aufgezogenen Wildratten nur die allerwenigsten wirklich zahm – und selbst das funktioniert nur mit sehr intensiver Beschäftigung mit den Tieren, viel Geduld und auch Erfahrung im Umgang mit Ratten.

Natürlich können Sie auch Glück haben, und die Wildratten gleichen in ihrem Benehmen etwas schüchterneren Farbratten. Aber davon sollten Sie besser nicht ausgehen, sondern vielmehr einkalkulieren, dass die Tiere immer schreckhafter, flinker und sehr viel ängstlicher sein werden als Farbratten. Oft geraten Wildratten in extremen Stress, wenn sie Menschen – auch ihrem Halter – begegnen. Sie bekommen Panik und wollen flüchten, können dies aber in ihrem Käfig nicht. Oft ist der Bewegungsdrang bei Wilden sehr viel höher als bei Farbratten, und aus diesen Gründen ist die Haltung in einem Käfig für diese Tiere häufig eine Qual.

Möglichkeit 2)
Sie überlassen die Welpen sich selbst und lassen der Natur ihren Lauf. Das ist natürlich ein grausamer Gedanke für jeden Tierliebhaber, und nur wenige Leute haben die Kraft, dies zu tun. Doch aufgrund oben genannter Erfahrungen mit Wildratten ist dieser Weg oftmals der bessere für Mensch und Wildtier.

Überlegen Sie sich also bitte ganz genau was Sie tun werden, wenn Sie einmal in solche eine Situation kommen und wägen Sie genau ab, welchen Weg sie beschreiten möchten.
Das Wohl des Tieres endet nicht mit der Aufzucht!